
Kapitel Eins
Der Anfang
Als Monsieur Le Scameur Paris verliess, nahm er keine seiner Leinwände mit.
Er liess die Farben zurück, die unfertigen Porträts, die Einladungen zu Ausstellungen und die ersten Briefe von Galeristen, die ihm eine grosse Zukunft versprachen. Selbst den Mantel, den seine Mutter für ihn genäht hatte, soll er in seinem Atelier vergessen haben.
Unter seinem Arm trug er lediglich ein Baguette.
Die Menschen, die ihn am Bahnhof sahen, hielten es für eine seiner seltsamen Inszenierungen. Schon damals wusste niemand genau, wann Le Scameur ernst sprach und wann er damit begann, aus seinem eigenen Leben eine Legende zu machen.
Über die Kindheit von Monsieur Le Scameur ist nur wenig Sicheres bekannt. Er wurde in Frankreich geboren, doch den genauen Ort nannte er in beinahe jedem Gespräch anders. Mal sprach er von einem Dorf zwischen trockenen Weinbergen, mal von einer kleinen Stadt, in der es häufiger regnete als irgendwo sonst im Land. Einmal behauptete er sogar, sein Heimatort existiere nicht mehr.
Über seinen Vater wollte er grundsätzlich nicht sprechen.
Wurde er nach ihm gefragt, wechselte Le Scameur das Thema, erzählte einen schlechten Witz oder richtete schweigend seinen Schnurrbart. Nur ein einziges Mal soll er gesagt haben:
„Es gibt Menschen, von denen man keine Erinnerungen erbt – nur die Gewohnheit, nicht über sie zu sprechen.“
Seine Mutter war Schneiderin.
Sie nähte Kleider für Familien, die sich niemals nach ihrem Namen erkundigten, kürzte fremde Hosen, ersetzte verlorene Knöpfe und reparierte Mäntel, die mehr kosteten als alles, was sie selbst besass.
An manchen Abenden, wenn die letzten Arbeiten erledigt waren, legte sie Nadel und Faden zur Seite und holte eine kleine Schachtel mit alten Pinseln und beinahe vertrockneten Farben hervor.
Dann malte sie.
Keine grossen Landschaften und keine berühmten Persönlichkeiten. Meistens malte sie einfache Dinge: eine Tasse auf dem Küchentisch, das Licht am Fenster oder einen leeren Stuhl.
Le Scameur sass neben ihr und beobachtete schweigend, wie aus wenigen Farben eine ganze Welt entstand.
Seine Mutter erklärte ihm nie, wie man malte. Sie liess ihn lediglich zusehen.
Vielleicht war genau das ihr grösstes Geschenk an ihn.
Während die anderen Kinder draussen spielten, blieb Le Scameur oft bei ihr. Er zeichnete auf Stoffresten, Verpackungen und den Rückseiten alter Rechnungen. Wenn kein Papier mehr vorhanden war, benutzte er die Kreide, mit der seine Mutter ihre Stoffe markierte.
Die anderen Kinder verstanden seine Begeisterung nicht.
Sie lachten darüber, dass er Farben Gefühle gab und behauptete, Häuser könnten traurig oder einsam aussehen.
Mit der Zeit hörte Le Scameur auf, ihnen nachzulaufen.
Je weniger er sich von den Menschen verstanden fühlte, desto mehr verlor er sich in der Kunst.
Auf dem Papier musste er nichts erklären.
Dort durfte Gelb mutig sein.
Orange durfte Trost spenden.
Und Grau durfte aussehen, als hätte es etwas verloren.
Seine ersten Bilder waren voller Licht. Selbst leere Zimmer, alte Strassen und gewöhnliche Gegenstände wirkten in ihnen lebendig. Später sollten Kritiker diese frühen Arbeiten als beinahe magisch beschreiben.
Damals besass Le Scameur kaum etwas, doch eines stand fest:
Er konnte fantastisch malen.
Als junger Mann verliess Le Scameur seinen Heimatort und ging nach Paris.
Kapitel Zwei
Solène
Er kam mit wenigen Kleidern, einigen Pinseln und mehreren zusammengerollten Bildern in die Hauptstadt. Er hatte kaum Geld, aber ein Selbstvertrauen, das grösser war als alles, was er zu diesem Zeitpunkt tatsächlich erreicht hatte.
Le Scameur tat alles, um in Paris bekannt zu werden.
Jeden Morgen trug er seine Bilder durch die Stadt, klopfte an die Türen kleiner Galerien und versuchte, Kunsthändler und Sammler von seinem Talent zu überzeugen. Er besuchte Ausstellungen, sprach mit fremden Menschen über seine Werke und hinterliess seinen Namen überall dort, wo er hoffte, eines Tages entdeckt zu werden.
Absagen hielten ihn nicht auf. Jede verschlossene Tür bedeutete für ihn nur, dass er an die nächste klopfen musste. Er malte unermüdlich, arbeitete bis tief in die Nacht und war überzeugt, dass irgendwann niemand mehr an seinen Bildern vorbeisehen könnte.
Le Scameur glaubte an sich selbst.
Er wusste noch nicht, dass das Wertvollste seines Lebens vielleicht bereits auf ihn wartete.
Und dass er später alles dafür geben würde, dorthin zurückzukehren.
In seinen ersten Monaten in Paris lebte Le Scameur beinahe nur für seine Kunst. Er trug seine Bilder durch die Stadt, suchte kleine Galerien auf und malte nachts, bis das Licht in seinem Atelier erlosch.
Damals erschien ihm Paris wie eine goldene Stadt.
Jede Strasse versprach eine Möglichkeit, jedes erleuchtete Fenster eine Zukunft. Le Scameur war überzeugt, sein Glück warte irgendwo vor ihm – in einer grossen Galerie, in einem berühmten Gemälde oder in dem Erfolg, von dem inzwischen alle zu sprechen begonnen hatten.
Doch das Schicksal hatte andere Pläne.
An einem regnerischen Nachmittag suchte Le Scameur Schutz in einer kleinen Crêperie, an der er zuvor unzählige Male vorbeigegangen war.
Es war kein besonderer Ort. Die Tische standen zu eng beieinander, die Stühle waren abgenutzt, und an den beschlagenen Fenstern liefen dünne Regentropfen hinab. Le Scameur bestellte den billigsten Kaffee auf der Karte und setzte sich in eine Ecke, von der aus er die Gäste beobachten konnte.
Normalerweise zeichnete er in solchen Momenten.
Er studierte fremde Gesichter, erfand Geschichten über Menschen, deren Namen er nicht kannte, und verwandelte gewöhnliche Bewegungen in kleine Dramen.
Doch an diesem Nachmittag blieb sein Blatt leer.
Am Fenster sass eine junge Frau und las ein Buch.
Neben ihr stand eine Crêpe mit Dulce de Leche, von der sie gelegentlich einen kleinen Bissen nahm, ohne den Blick von den Seiten zu lösen. Um sie herum wurde gesprochen, gelacht und mit Geschirr geklappert, doch sie schien all das nicht zu bemerken.
Sie wirkte, als befände sie sich an einem stilleren Ort.
Le Scameur konnte den Blick nicht von ihr lösen.
Dann hob sie für einen kurzen Augenblick den Kopf.
Und er verliebte sich.
Nicht langsam.
Nicht erst, nachdem er ihre Stimme gehört oder ihren Namen erfahren hatte.
Es genügte, sie anzusehen.
Später behauptete Le Scameur, das Licht sei an diesem Nachmittag nur deshalb so warm durch das Fenster gefallen, weil es ihr Gesicht erreichen wollte. Ihre Augen hätten etwas getragen, das er weder benennen noch jemals richtig malen konnte.
Als die Besitzerin etwas zu ihr sagte und sie lächelte, habe er zum ersten Mal verstanden, dass ein einziger Mensch eine ganze Stadt heller machen konnte.
Vielleicht war das nur eine seiner Übertreibungen.
Vielleicht begann Le Scameur schon damals, aus seinen Erinnerungen eine Legende zu erschaffen.
Er wollte zu ihr gehen.
Doch Le Scameur, dessen Ego grösser war als jedes seiner Gemälde, hatte nie Angst davor, einen Raum zu betreten oder einen Menschen anzusprechen. Ablehnung war etwas, das seiner Meinung nach nur anderen passierte.
Doch als er aufstand und einen Schritt in ihre Richtung machte, hatte er zum ersten Mal in seinem Leben Angst.
Also blieb der Mann, der aus jeder Kleinigkeit eine grosse Geschichte machen konnte, schweigend an seinem Tisch sitzen. Er beobachtete, wie sie eine Seite umblätterte, eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht strich und schliesslich ihr Buch schloss.
Dann verliess sie die Crêperie.
Sie hatte ihn nicht bemerkt.
Le Scameur blieb noch lange sitzen und blickte auf den leeren Platz am Fenster.
In den folgenden Tagen kehrte er immer wieder zurück. Später behauptete er, das Licht in der Crêperie habe sich besonders gut zum Zeichnen geeignet.
In Wahrheit wartete er nur auf sie.
Manchmal blieb er dort bis zur Schliessung. An anderen Tagen bestellte er einen Kaffee nach dem anderen, obwohl er kaum genug Geld für den ersten besass.
Dann, an einem Freitag, kam sie zurück.
Sie setzte sich wieder an den Tisch nahe dem Fenster, öffnete ein Buch und bestellte eine Crêpe mit Dulce de Leche.
Dieses Mal zwang sich Le Scameur aufzustehen.
Er trat an ihren Tisch.
„Entschuldigen Sie“, sagte er. „Ich wollte nur fragen, was Sie lesen.“
Sie blickte auf, lächelte und schloss das Buch.
„Ich heisse Solène“, sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen. „Den Rest musst du dir verdienen.“
Le Scameur lachte.
Es war das erste Gespräch von vielen.
Le Scameur war nie ein Mann vieler Worte. Die meisten Gespräche beendete er mit einem Nicken oder einem Lächeln. Doch wenn er mit ihr zusammen war, sprach er mehr als jemals zuvor. Als hätte sie eine Sprache in ihm geweckt, von der er selbst nicht wusste, dass sie existierte.
Und dass ihr Lächeln bald für ihn wichtiger wurde als alles andere auf der Welt, wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Schon bald gehörte jeder Freitag nur noch ihnen.
Einige Zeit später schenkte Le Scameur ihr ein Porträt.
Es zeigte Solène so, wie er sie an jenem ersten Nachmittag gesehen hatte: am Fenster der Crêperie, ein Buch vor sich, umgeben von warmem Licht und zugleich so ruhig und unerreichbar, als gehöre ein Teil von ihr zu einer anderen Welt.
Le Scameur sagte, er habe das Bild eigens für sie gemalt.
Solène betrachtete es lange.
Dann lächelte sie.
Für Le Scameur war dieses Lächeln mehr wert als jede Ausstellung, jede gute Kritik und jedes Gemälde, das er jemals verkaufen könnte.
Für Solène war das Porträt ein Geschenk.
Für Le Scameur war es der Anfang von allem.
Sie spazierten gemeinsam durch Paris, besuchten kleine Buchhandlungen und verbrachten Stunden in jener Crêperie, in der er sie zum ersten Mal gesehen hatte.
Solène bestellte immer Dulce de Leche.
Le Scameur behauptete jedes Mal, er wolle etwas Aussergewöhnlicheres probieren, ass am Ende jedoch stets einen Teil von ihrer.
Er liebte es, sie zum Lachen zu bringen.
Dafür erfand er Geschichten über die Menschen an den anderen Tischen. Ein schweigsamer Mann am Fenster war ein verbannter König. Eine ältere Dame mit rotem Schal war eine gesuchte Kunstdiebin. Ein Paar, das nicht miteinander sprach, liebte sich angeblich so sehr, dass jedes weitere Wort gefährlich geworden wäre.
Solène lachte über seine Geschichten.
Nicht höflich und nicht zurückhaltend.
Sie lachte so ehrlich, dass sie manchmal ihr Gesicht hinter den Händen verstecken musste.
Le Scameur sollte später unzählige Male versuchen, dieses Lächeln zu malen.
Es gelang ihm nie.
Solène stammte aus einer wohlhabenden Familie. Sie besuchte die Universität und bewegte sich in einer Welt, in der die Zukunft geplant, geordnet und erklärt werden konnte.
Le Scameur dagegen war nur ein einfacher Junge aus der französischen Provinz.
Er hatte keinen angesehenen Abschluss, keine sichere Laufbahn und kaum Geld. Alles, was er besass, waren seine Bilder, seine grossen Versprechen und der beinahe unerschütterliche Glaube, dass aus ihm eines Tages etwas Bedeutendes werden würde.
Solène wusste, dass ihre Familie ihn vermutlich nicht akzeptieren würde.
Deshalb führte sie zwei Leben.
In dem einen war sie die gebildete Tochter aus gutem Hause, die den Erwartungen ihrer Familie entsprechen sollte.
In dem anderen traf sie freitags Le Scameur.
Sie ass mit ihm Crêpes, ging mit ihm durch kleine Buchhandlungen und sass in seiner bescheidenen Wohnung, während er malte.
Von diesem zweiten Leben wusste ihre Familie nichts.
Vielleicht machte gerade das ihre gemeinsamen Stunden so kostbar.
Alles zwischen ihnen fühlte sich geliehen an.
Die Spaziergänge.
Die Gespräche.
Die Freitage.
Als könnte jemand jeden Moment die Tür öffnen und Solène zurück in ihr anderes Leben rufen.
Wenn ihr Geld nicht für die Crêperie reichte, kauften sie ein Baguette und teilten es.
Manchmal assen sie auf einer Parkbank, manchmal auf den Stufen eines alten Gebäudes. Oft sassen sie in Le Scameurs kleiner Wohnung – Solène mit einem Buch in der Hand, er vor seiner Leinwand.
Damals hatten sie kaum etwas.
Eine unzuverlässige Heizung.
Ein undichtes Fenster.
Billigen Wein.
Und ein Baguette, das für zwei reichen musste.
Doch Le Scameur war glücklich.
In Solènes Gegenwart malte er besser als jemals zuvor. Sein Gelb wurde wärmer, sein Orange lebendiger, und selbst das Rot wirkte nicht mehr wie eine Warnung, sondern wie ein Versprechen.
Er glaubte, Solène sei seine Muse.
Später verstand er, dass sie mehr gewesen war.
Sie hatte die Magie seiner Bilder nicht nur geweckt.
Sie war die Magie gewesen.
Doch je wichtiger Solène ihm wurde, desto grösser wurde seine Angst, sie zu verlieren.
Le Scameur wusste, dass sie aus verschiedenen Welten kamen. Er fürchtete, ihre Familie könnte ihr eines Tages ein Leben zeigen, in dem für einen mittellosen Künstler aus der Provinz kein Platz war.
Also wollte er schneller erfolgreich werden.
Berühmt genug, damit niemand mehr an ihm zweifelte.
Gebildet genug wirken, damit niemand nach seinen fehlenden Abschlüssen fragte.
Reich genug, damit Solène niemals zwischen ihm und ihrer Familie wählen musste.
Vielleicht begann er deshalb, nicht mehr nur für sich selbst zu malen.
Vielleicht tat er alles für sie.
Er versprach Solène:
„Wenn ich eines Tages alles habe, werde ich dich noch genauso lieben wie jetzt, da ich nichts habe.“
Dieses Versprechen sollte ihn für den Rest seines Lebens verfolgen.
Denn aus seinem Ehrgeiz wurde Besessenheit.
Le Scameur malte immer länger, nahm jede Ausstellung an und suchte unaufhörlich nach dem Werk, das seinen Namen unsterblich machen sollte.
Er kam zu spät zu ihren Treffen.
Manchmal erschien er überhaupt nicht.
Solène wartete allein in der Crêperie, während ihre Crêpe mit Dulce de Leche langsam kalt wurde.
Wenn sie ihn fragte, weshalb er nicht gekommen war, sprach Le Scameur von ihrer gemeinsamen Zukunft.
Er tue all das für sie.
Nach der nächsten Ausstellung werde alles ruhiger.
Nach dem nächsten verkauften Bild.
Nach dem grossen Durchbruch.
Doch jedes erreichte Ziel wurde sofort durch ein neues ersetzt.
Le Scameur wollte ihr eines Tages alles schenken.
Dabei schenkte er ihr in der Gegenwart immer weniger von sich.
Das Ende kam nicht mit einer grossen Auseinandersetzung.
Es gab keine geschrienen Vorwürfe, kein zerbrochenes Glas und keine Tür, die mitten in der Nacht zugeschlagen wurde.
Es begann mit Stille.
Solène erinnerte ihn nicht mehr an ihre Treffen. Ihre Nachrichten wurden kürzer, ihre Pausen länger.
Und sie lächelte immer seltener.
Le Scameur bemerkte es.
Doch statt zu fragen, was sie brauchte, arbeitete er noch härter. Er glaubte, er müsse nur endlich erfolgreich werden, dann würde ihr Lächeln zurückkehren.
Eines Tages schrieb Solène ihm eine letzte Nachricht.
Sie entschuldigte sich.
Wofür, verriet Le Scameur später nie eindeutig.
Vielleicht dafür, dass sie seine Liebe nicht länger tragen konnte.
Vielleicht dafür, dass sie sich selbst zwischen ihren beiden Leben verloren hatte.
Vielleicht nur dafür, dass sie ging.
Danach sprachen sie nie wieder miteinander.
Keine letzte Begegnung.
Kein weiterer Freitag.
Keine Gelegenheit, all die Dinge auszusprechen, über die sie beide aus Angst geschwiegen hatten.
Solène war einfach nicht mehr da.
Kapitel Drei
Das Ende vom Anfang
Zunächst wartete Le Scameur.
Dann begann er, nach ihr zu suchen.
Er besuchte die Cafés, in denen sie gemeinsam gesessen hatten. Er ging in jede Buchhandlung, die Solène geliebt hatte, und lief langsam an den Regalen vorbei.
Er kehrte immer wieder in die Crêperie zurück und setzte sich an den Tisch nahe dem Fenster.
Manchmal bestellte er zwei Crêpes mit Dulce de Leche.
Die zweite blieb unberührt.
Er suchte in Parks, auf Bahnhöfen und in den Strassen, durch die sie freitags gegangen waren. Manchmal glaubte er, ihr Lächeln in einer Menschenmenge zu erkennen, und folgte einer fremden Frau durch mehrere Gassen.
Doch es war niemals Solène.
Le Scameur fand sie nicht.
Mit jedem Tag verlor Paris etwas von seinem Glanz.
Die Cafés wurden zu Räumen mit leeren Stühlen. Die Buchhandlungen wurden zu Orten, an denen Solène nicht mehr zwischen den Regalen stand. Jede Strasse erinnerte ihn an einen glücklichen Augenblick, den er nicht erkannt hatte, solange er noch darin lebte.
Paris war noch immer dieselbe Stadt.
Doch ohne Solène konnte Le Scameur sie nicht mehr sehen.
Die einst goldene Stadt wurde grau.
Und je länger er dort blieb, desto kränker machte sie ihn.
Le Scameur suchte sie noch eine ganze Weile.
Doch irgendwann verliess er Paris.
Nicht, weil er aufgehört hatte, sie zu lieben.
Sondern weil Paris ohne Solène jede Bedeutung verloren hatte.
Jede Strasse erinnerte ihn an sie.
Jedes Café an ein Gespräch.
Jede Crêpe an einen Freitag.
Und jede Erinnerung schmerzte mehr als die letzte.
Also ging er.
Nicht, weil er loslassen konnte.
Sondern weil er es nicht konnte.
Mit ihm verschwand auch etwas anderes.
Seine Magie.
Die warmen Farben, für die man ihn einst bewundert hatte, verschwanden langsam aus seinen Bildern. Das leuchtende Gelb wurde grau. Das Orange verlor seinen Glanz. Kreise blieben unvollständig. Vierecke schienen auseinanderzufallen. Seine Figuren wirkten, als hätten sie mitten im Entstehen aufgegeben.
Als würde jedes Gemälde nach jemandem suchen.
Vielleicht nach Solène.
Vielleicht nach dem Mann, der Le Scameur einmal gewesen war.
Ausgerechnet jetzt begann sich die Welt für seine Kunst zu interessieren.
Je weniger ihm seine Bilder bedeuteten, desto mehr bedeuteten sie plötzlich allen anderen.
Die Galerien füllten sich.
Sammler stritten um seine Werke.
Seine Gemälde wurden für Summen verkauft, von denen er früher nur geträumt hatte.
Er kaufte teure Uhren.
Schöne Autos.
Häuser.
Originale anderer Künstler.
Er wurde berühmt.
Er bekam alles, wonach er früher geglaubt hatte zu suchen.
Doch jedes neue Gemälde erinnerte ihn daran, dass er längst aufgehört hatte, aus Liebe zu malen.
Er malte aus Trotz.
Aus Satire.
Manchmal sogar aus Hass auf die Kunst.
Denn seine Besessenheit hatte ihm genau das genommen, was sein Leben einst lebenswert gemacht hatte.
Zum ersten Mal verstand Le Scameur, dass Erfolg niemals dasselbe war wie Glück.
Niemand weiss, was aus dem Porträt von Solène wurde.
Vielleicht zerriss sie es.
Vielleicht hängt es noch heute irgendwo an einer Wand.
Vielleicht verkaufte sie es anonym.
Bis zu seinem letzten Tag behauptete Le Scameur jedoch, es sei das wertvollste Bild gewesen, das jemals seinen Namen getragen hatte.
Nicht wegen seiner Qualität.
Sondern weil es das Einzige war, das sie angesehen hatte.
Er stellte sich manchmal vor, sie bewahre Zeitungsausschnitte über ihn auf.
Vielleicht besuchte sie heimlich eine Ausstellung.
Vielleicht blieb sie kurz vor einem Bild stehen.
Vielleicht erkannte sie das kleine, versteckte S, das sich seit ihrem Verschwinden in beinahe jedem seiner Werke befand.
Vielleicht auch nicht.
Es war nur eine Vorstellung.
Doch sie gefiel ihm.
Mehr als jede Wahrheit.
Sein grösster Wunsch war längst nicht mehr, sie wiederzufinden.
Er hoffte nur, dass sie irgendwo jemanden gefunden hatte, der ihr noch immer das schönste Lächeln der Welt schenkte.
Erst viele Jahre später kam die Wahrheit über das Porträt von Solène ans Licht.
Das Bild, von dem Le Scameur sein ganzes Leben behauptet hatte, es selbst gemalt zu haben, stammte gar nicht von ihm.
Er hatte einen unbekannten Künstler gebeten, Solène nach seiner Beschreibung zu zeichnen.
Als er ihr das Bild schenkte, gab er es als sein eigenes Werk aus.
Vielleicht hatte er Angst, sein Talent würde nicht genügen, um sie zu beeindrucken.
Vielleicht wollte er für einen einzigen Augenblick schon der Künstler sein, der er erst Jahre später werden sollte.
Solène erfuhr die Wahrheit nie.
Sie wusste nicht, dass ihre gemeinsame Geschichte mit einer Lüge begonnen hatte.
Und sie wusste vermutlich auch nie, dass fast jedes Bild, das danach entstand, heimlich für sie bestimmt war.
Als der Betrug bekannt wurde, gab ihm die Kunstwelt einen neuen Namen.
Monsieur Le Scameur.
Der falsche Meister.
Le Scameur äusserte sich nie dazu.
Vielleicht schämte er sich.
Vielleicht wusste er, dass sie recht hatten.
Oder vielleicht war sein ganzes Leben nur noch der Versuch gewesen, diese erste Lüge nachträglich in Wahrheit zu verwandeln.
Er wollte der Künstler werden, für den Solène ihn damals gehalten hatte.
Als ihm das endlich gelang, war sie längst verschwunden.
Von da an trug Le Scameur immer einen grossen Schnurrbart.
Manche glaubten, es gehöre zu seiner Kunstfigur.
Andere meinten, er wolle geheimnisvoll wirken.
Er selbst erklärte es nie.
Vielleicht wollte er nicht erkannt werden.
Vielleicht hoffte er aber auch genau auf das Gegenteil.
Ein Baguette trug er fast immer bei sich.
Nicht aus Hunger.
Sondern für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie sich eines Tages zufällig begegnen würden.
Dann könnten sie es teilen.
So wie früher.
Er wusste, dass es wahrscheinlich nie geschehen würde.
Aber dieser Gedanke hielt ihn am Leben.
Wenn man Le Scameur später fragte, wann er in seinem Leben am glücklichsten gewesen sei, sprach er nie von seinem Ruhm.
Nie von seinen Ausstellungen.
Nie von den Millionen.
Nie von den teuren Uhren, Autos oder Gemälden.
Er antwortete immer dasselbe.
„Als ich nichts hatte.“
Damals besass er kaum Geld.
Keine Sicherheit.
Keine Gewissheit, dass jemals jemand seine Kunst sehen würde.
Oft reichte eine einzige Crêpe.
Oder ein Baguette, das sie sich teilten.
Doch Solène sass ihm gegenüber.
Und sie lächelte.
Le Scameur hatte sein ganzes Leben geglaubt, er müsse erst alles erreichen, um glücklich zu werden.
Erst als er alles besass, verstand er, dass sein grösstes Glück längst hinter ihm lag.
Als ihm nichts gehörte.
Ausser ihrer gemeinsamen Zeit.
Von allem, was er später gewann, kam nichts jemals an das Lächeln von Solène heran.
Denn es war das Einzige, das er nie malen konnte.
Und zugleich das Einzige, das er sich sein ganzes Leben lang zurückgewünscht hatte.
Nachdem Solène ihn verlassen hatte, sprach Le Scameur kaum noch über seine Vergangenheit.
Bis heute weiss niemand, wie viel von seiner Geschichte wirklich wahr war.
Sprach er überhaupt Französisch?
Gab es Solène wirklich?
Oder war sie nur die Erfindung eines Mannes, der so besessen vom Erfolg war, dass er selbst nicht mehr wusste, wo seine Kunst endete und seine Lüge begann?
Vielleicht war Le Scameur ein grosser Künstler.
Vielleicht war er nur ein grosser Betrüger.
Wahrscheinlich war er beides.
Leider ist diese Geschichte wahr. Zum Glück hat das Schicksal einen ausgezeichneten Sinn für Humor.
— Monsieur Le Scameur